Region im Glas. Auf den ersten Blick ein schönes Thema, auf den zweiten ein verdammt schwieriges. Mir ist keine homogene Region bekannt, in der sich ein Kleinklima, der Boden und Co wirklich durchgehend wiederfindet. Die Jahrgangsunterschiede (wie aktuell 10/11) sorgen dann noch für ein übriges. Also ist es eher die regionale Stilistik, die Winzerhand sozusagen, die eine Region ausmacht. Und so haben sich viele Regionen immer wieder selbst erfunden, angepasst an Kundenwünsche und den massiven Veränderungen in den Möglichkeiten der Weinbereitung.
Nichtsdestotrotz hieß es nun eine Region zu wählen. Zuerst wollte ich das klassische aber doch eher unbekannte französische Jura wählen. Doch noch spannender als ein traditionsreiche Region zu beleuchten ist doch ein Gebiet das es erst zu erforschen gibt. Wo man nicht an Traditionen, welche häufig durch äußere Umstände und Druck entstanden sind, gebunden ist sondern sich neu darauf einlässt.
Kärnten. Ein Bundesland das bei vielen nicht wirklich gute Emotionen auslöst. So auch bei mir, aber es geht ja nicht um Politik sondern um Wein. Seit einigen Jahren gibt es nun Kärntner Wein. Angebaut wird auf fruchtbaren Land ein wildes Rebsortentohuwabohu. Von Riesling bis Veltliner, von Sauvignon bis Gewürztraminer bis hin zum Müller Thurgau. Rot schaut das Bild nicht viel anders aus, es gibt Zweigelt und Blaufränkisch, einiges an Roesler, Blauburger und Merlot… Nur Weiß und Rot wäre aber natürlich viel zu langweilig, deshalb gibt es natürlich auch noch Zweigelt als Frizzante und Prädikatsweine mit charmanten 14%. Das ganze auf ca 20ha. Verteilt auf das Bundesland Kärnten. So kann das natürlich nichts werden.
Gott sei Dank geht es aber natürlich auch anderes. Vor ca einem halben Jahr hat mich Marcus Gruze kontaktiert. Biowein aus Kärnten. Aha. Meine ersten Gedanken dazu möchte ich aus Gründen der Höflichkeit nicht hier wiedergeben. Schnell war aber klar hier läuft alles anders - richtig.

Die jungen Reben genießen einen traumhaften Ausblick auf den Längsee
Marcus Gruze bereitet seinen Wein so wie ich ihn am liebsten mag. Ohne zugesetzte Hefen, ohne Enzyme, keine Schönung, minimalster Schwefeleinsatz. Das machte mich dann doch neugierig, auf Mensch und Wein. Ein Ausflug nach Kärnten war unausweichlich. Es folgte ein toller Tag im Weingarten. Das Gebiet um Sankt Georgen entstand in dieser Form in der letzten Eiszeit. Schiefer als Grundgestein mit einem leichten Lehmboden darauf. Rundherum gibt es etwas Kalk, den man auch immer wieder in den Weingärten von Marcus Gruze findet. Der idyllische Längsee ist das Überbleibsel einer Gletscherzunge aus vergangenen Tagen. Die Sommer sind heiß und trocken, der See jedoch sorgt für ein ausgewogenes Mikroklima. Die Winter sind eher mild, häufig auch arm an Niederschlägen. Kurze eisige Perioden lassen den Frost zu einer Bedrohung für die Weingärten werden.
Es ist wirklich spannend Marcus in seinem Element zu erleben. Aber die eine Frage die bleibt ‘Warum muss es denn ausgerechnet Wein in Kärnten sein, warum nicht mit seinem Talent in eine tolle Weinregion, mit den richtigen Vorzeichen?’ Damit ich nicht aus meinem Kopf falsch zitiere habe ich Marcus noch kurz um SEINE Worte gefragt die ich auch so wiedergeben möchte: “Es gibt sonst kein vergleichbares Naturprodukt, wo Konsument und Produzent einer Meinung sind und die Essenz suchen, das Terroir, die Mineralität schmecken wollen. Die Leidenschaft für den Weinbau fand ich in Neuseeland, wo ich drei europäische Winter gearbeitet habe. So weit weg von zu Hause verspürt man irgendwann den Drang, endlich wieder Wurzeln zu schlagen, die eigene Herkunft zu schätzen und die Arbeit auf der eigenen Erde zu verrichten. Das jetzige ‘Georgium’ war mein Elternhaus, früher lebten schon meine Großeltern hier. Dieses Haus umzubauen, und Wein anzubauen, dieser Traum wurde 2008 zur Wirklichkeit. Ich begann 15 000 Rebstöcke an der Nordseite des Längsees auszupflanzen, und blicke heute auf einen lebendigen Weinberg, ein kleines Ökosystem, zu dem ich meinen Beitrag leiste.”

Schiefer

lebendiger Boden
Die Handarbeit im Weingarten und das viele nichteingreifen im Weinkeller zeichnen die Weine aus. Ausschließlich Burgundersorten (Chardonnay, Weiß- Grau- und Spätburgunder) werden so zum Boten der Region. Unverfälschter kann Wein kaum ins Glas kommen.
Apropos Glas, jetzt musste ich aus Zeitdruck meinen Beitrag zur Weinrallye (btw ein herzliches Danke an die Gastgeber!!!!) ganz ohne diesen grandiosen Wein im Glas schreiben. Da bleibt mir nur das Schwelgen in Erinnerungen… Biskuit und Kamille, Orangenzesten, und dieses cremige Mundgefühl… Der Pinot vom Längsee gehört definitiv zu meinen Favoriten.
Das Schlusswort gehört aber trotzdem nochmals Marcus Gruze, denn ich könnt es nicht besser sagen: “Mein Wein hat Charakter. Seine Physiologie lässt ihm einen Spielraum offen, was sich in der Unterschiedlichkeit der einzelnen Flaschen zeigen kann. Nichtsdestotrotz besitzt er die Stärke, sich nach dem Öffnen nicht zu verflüchtigen, vielmehr entwickelt er sich mit jeden Tag, wie er es schon als Traube gewohnt
war. Dieser Wein, wie er schon seit 1000 Jahren gemacht wird, braucht nicht das Lob eines sogenannten Weinkenners, aber die wohlgeöffneten Augen eines Weinliebhabers.”

Marcus Gruze in seinem Weinkeller
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